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Das wilde Kind
 Autor: T.C. Boyle Sprecher: Boris Aljinovic Anzahl der CD: 2 Laufzeit: 170 Min. Verlag: Der Hörverlag – 2010 Preis: ab ca. 17 €
Frankreich an der Schwelle zum 19. Jahrhundert. Die Revolution ist vorüber, der Terror verebbt, Vernunft, Aufklärung und rationale Wissenschaft regieren das Land. Doch die Menschen in der Provinz sehnen sich nach den alten Gebräuchen, dem Zauber und den Mythen der Vergangenheit, vermissen das Unerklärliche, das die unheimliche Welt da draußen erklärbar macht.
Da wird eines Tages in einem Wald im Languedoc ein kleiner Junge von vielleicht acht Jahren entdeckt, der offenbar ohne jeden Kontakt zu anderen Menschen allein im Wald lebt und sich augenscheinlich von Beeren, Pilzen und kleinen Tieren ernährt. Eine Narbe an Hals weist darauf hin, dass derjenige, der das Kind ausgesetzt wohl auch versucht hatte, ihm das Leben zu nehmen. Wider aller Wahrscheinlichkeit jedoch ist das dergestalt verletzte Kind weder verblutet, noch verhungert oder erfroren oder von den Tieren des Waldes getötet worden.
Während die Landbevölkerung unentschlossen zwischen Abscheu und Faszination hin und hergerissen ist, offenbart sich für die Wissenschaft eine einmalige Gelegenheit: Ist dem Menschen die Fähigkeit, zwischen Gut und Böse zu unterscheiden, angeboren? Und ist der Glaube an Gott ebenfalls angeboren? Spricht das Kind die Ursprache, aus der alle anderen Sprachen hervorgingen? Ist dieses schmutzige, schamlose Kind der „edle Wilde“, wie ihn Rousseau beschrieben hat, oder doch eher der Loup Garou, der Werwolf, der nachts den Bauern die Schafe stiehlt?
Es vergehen noch mehrere Jahre, ehe man des Kindes habhaft werden kann und für den kleinen Victor, wie er genannt werden wird, beginnt eine Odyssee, die erst in einer Taubstummenanstalt in Paris ihr Ende findet. Dort trifft er auf den jungen Arzt Itard, der sich seiner mit einer Mischung aus beruflichem Ehrgeiz und Zuneigung annimmt.
T. C. Boyle versteht es meisterlich, diese Zerrissenheit Itards in Worte zu kleiden, diese bizarre Mischung aus Liebe und Ehrgeiz, Berufung und Berechnung und zugleich findet er Worte für das triebhafte, instinktgetriebene Innenleben Victors. Seine Neuerzählung einer wahren Begebenheit, die auch als Vorlage für den Film „Der Wolfsjunge“ von Truffaut diente, ist frei von Pathos und falschen Romantizismen und reflektiert Victors Entwicklung von seiner Gefangennahem bis zu seinem Tod mit Mitte vierzig auf der Basis des aktuellen Forschungsstandes.
Boris Aljinovic führt sicher und souverän durch diesen für Boyle überraschend kleinen Text von gerade einmal zwei CDs. Seine Lesung verleiht den Bauern des Languedoc ebenso Kontur und Tiefenschärfe wie den widerstreitenden Emotionen Itards und der Innenwelt Victors.
Ein historisches Hörbuch der ganz besonderen Art, anrührend, ergreifend und lange nachklingend.
Christian Stotz
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